Fachinformationen - Infektionskrankheiten - Viren

Serodiagnostik zum Polio-Virus-Antikörperstatus: Der Polio-Neutralisationstest (Polio-NT)

Polio-Virus im Transmissions-Elektronen-Mikroskop, Vergrößerung x350.000.

Epidemiologie

Infektionen mit dem zur Gruppe der Picornaviren zählenden Polio-Virus (Poliomyelitis, auch Kinderlähmung) haben in den letzten 100 Jahren sehr große Veränderungen erfahren. Sie führten von sporadisch auftretenden Erkrankungen im 19. Jahrhundert bis zu den großen bedrohlichen Epidemien nach 1920. Durch die in den 50er Jahren eingeführten Massenimpfungen spielt die Poliomyelitis heute in Ländern mit hohem Durchimpfungsgrad nur noch eine untergeordnete Rolle. Obwohl in der westlichen Hemisphäre Polio-Wildstämme nicht mehr in der Umwelt vorkommen, stellen jedoch viele tropische (z.B. afrikanische) Länder ein bedeutendes Endemiegebiet für neuropathogene Polio-Wildstämme dar (1,2), aus denen die Viren wieder eingeschleppt werden können.

Ein weiteres Expositionsfeld stellt eine Umgebung mit sehr niedrigen sanitären Standards und geringer Bevölkerungsimmunität dar. Hier findet eine nahezu vollständige Exposition aller Kleinkinder mit Poliovirus statt. Dabei verlaufen die im frühen Kindesalter stattfindenden Infektionen aufgrund von paraspezifischem Immunschutz in 98% aller Fälle asymptomatisch. Hierbei erlangen die Kinder eine lebenslange Immunität gegen das Virus. Die Polioviren werden über den fäkal-oralen Weg übertragen und etablieren sich nach der Passage des Magens im Rachenepithel und in der Darm-Mucosa. Dabei muß jedoch bedacht werden, daß mit Poliovirus infizierte Personen - zumindest über einen bestimmten Zeitraum- auch als Ausscheider der Viren in Frage kommen. Dadurch können Personen mit geringer Immunität (z.B. nicht geimpft) ebenfalls mit dem Poliovirus infiziert werden. Erfolgt die Primärexposition mit Polioviren erst im höheren Alter, wächst die Wahrscheinlichkeit einer manifesten Poliomyelitis nach Infektion deutlich. In 2% der Fälle tritt das Krankheitsbild der als Kinderlähmung bekannten Poliomyelitis auf, wenn die Viren über infizierte Peyersche Plaques in den Blutkreislauf und in das ZNS gelangen. Bei diesen manifesten Infektionen sind die Motoneuronen in den Vorderhörnern des Rückenmarks betroffen. Nervale Läsionen führen dann zu schlaffen asymmetrischen Paresen (Poliomyelitis). In seltenen Fällen kann es sogar zu einer vitalen Gefährdung durch Schädigung von Kreislauf- und Atemzentrum kommen (5,7).

1988 formulierte die WHO das Ziel, die Poliomyelitis bis zum Jahr 2003 zu eradizieren.

Ein weiteres Polio-Reservoir befindet sich jedoch auch in allen Ländern, in welchen die orale Polio-Vakzine (OPV) nach Sabin verwendet wird. OPV ist eine Präparation von drei lebenden, aber mutierten und damit attenuierten (nicht mehr neuropathogenen) Polioviren (Poliovirustyp 1, 2 und 3). Jedes mit OPV geimpfte Individuum gibt über einen langen Zeitraum vitale Polio-Impfviren ab, die durch Rückmutationen durchaus ein pathogenes Potential wiedererlangen können (5,6). Es ist daher von großer Bedeutung, eine Bevölkerungsimmunität von mindestens 80% aufrechtzuerhalten.

Es gibt Daten die belegen, daß dieser Wert der Seroprävalenz zumindest regional für den Poliovirustyp 3 deutlich unterschritten wird. Die Gründe dafür sind unklar, liegen aber wahrscheinlich in einer unterschiedlichen Immunogenität der drei Viruskomponenten in Impfstoff (3).

Seit 1998 wird von der STIKO (Ständige Impfkomission) eine inaktivierte Poliovakzine (IPV) empfohlen, das eine Präparation von abgetöteten Wildtyp-Polioviren darstellt. Daher geben mit IPV geimpfte Patienten keine lebenden Viren ab und erlangen im Gegensatz zur Impfung mit OPV jedoch auch keine Immunisierung der Darm-Mucosa. Deshalb kann dieser Patient, wenn er mit Polio-Wildstämmen in Kontakt kommt, trotz Individualschutz die Viren weiterverbreiten. Aus diesem Grund würde bei möglichen Polio-Ausbrüchen der Impfstoff OPV wieder vermehrt eingesetzt werden (4).

Schutzimpfung

Um dem minimalen Risiko einer Impf-Poliomyelitis durch OPV (< 1:106) zu begegnen und gleichzeitig einen intestinalen Schutz durch die Immunisierung mit OPV zu erzielen, empfiehlt die CDC (Center for Disease Control and Prevention, Atlanta, USA) als Initialimmunisierung bei Kindern und Erwachsenen folgendes Impfprotokoll:
2 Dosen IPV gefolgt durch 2 Dosen OPV (6)

Diagnostik

Zur diagnostischen Abklärung des Immunstatus wird der Polio-Neutralisationstest (Polio-NT) eingesetzt. Seit März 1998 führen wir diesen Test in unserem Haus durch, in dem Polio-spezifische Antikörper in Patientenseren nachgewiesen werden. Dazu wird eine Verdünnungsreihe eines Patientenserums mit einer definierten Dosis der drei attenuierten Polio-Sabinimpfstämme auf humanen Zellen angelegt. Im Patientenserum vorhandene Antikörper können die viral induzierte Zellzerstörung inhibieren. Der abgelesene Titer gibt damit die Verdünnungsstufe des Serums an, bei der die Zellen vor der Zerstörung durch Polioviren geschützt waren.

Untersuchungsmaterial

Es werden 10ml Vollblut benötigt. Ein normaler Postversand ist ausreichend.

Untersuchungsdauer und Befunde

Die Untersuchung wird regelmäßig am Dienstag, falls notwendig auch an anderen Tagen, durchgeführt. Die Untersuchungsdauer beträgt momentan 4 Tage.

Befunde werden in Titerstufen für die einzelnen Polio Sabin-Stämme angegeben. Laut Vorgaben des Robert-Koch-Institutes besteht eine Basisimmunität ab einer Titerstufe von 1:4 für jeden Polio Sabin-Stamm.

Literatur

  • World Health Assembly. Global eradication of poliomyelitis by the year 2000. Geneva, Switzerland: WHO 1988; Resolution 41.28
  • CDC. Progress towards global poliomyelitis eradication, 1996. MMWR 1997; 46: 579-84
  • Diedrich, S. et al.: Immunitätslage gegen Poliomyelitis (1995). Dtsch. med. Wschr. 120, 239-244
  • Ärzte Zeitung, 04.02.1998
  • Fields et al.: Virology . Raven Publishers, New York
  • PICO Polio-Internet Information www.128.59.173.136/PICO
  • Alexander und Raettig: Infektionskrankheiten. Thieme Verlag, Stuttgart

LINKS MIT WEITEREN INFORMATIONEN ZU DIESEM THEMA AUßERHALB DIESER WEBPRÄSENS

Lincolnshire Post-Polio Network
PICO Polio Information Center Online
Robert Koch Institut

Nach oben

Zurück zur Übersicht Fachinfos Viren

Seite Drucken